Montag, 29. Juni 2009

COSÌ FAN TUTTE, Zürich 28.6.09


Abschluss und Höhepunkt der Mozart / Da Ponte Trilogie mit Welser-Möst am Pult, Sven-Eric Bechtolf inszeniert. Ein überragendes Ensemble macht die Aufführung zu einem Geschmeide aus lauter Juwelen.

Premiere: 28. Juni 2009

Dramma giocoso in zwei Akten
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto: Lorenzo da Ponte
Uraufführung: 26. Januar 1790, Burgtheater Wien
Aufführungen in Zürich: 28.6. | 30.6. | 4.7. | 7.7. | 9.7. | 11.7. 09

Infos und Karten

Kritik:
Mozart hat uns mit seiner Partitur eine Fülle von Rohdiamanten zur Verfügung gestellt, das Ensemble des Opernhauses Zürich hat daraus ein funkelndes Collier feinstgeschliffener Brillanten geschaffen. Noch selten verliess man das Opernhaus derart beglückt und reichhaltig beschenkt.
Wo soll man mit der Aufzählung der Superlative beginnen? Vielleicht bei den Damen?
In betörendem Wohlklang vereinen sich die Stimmen von Malin Hartelius (Fiordiligi) und Anna Bonitatibus (Dorabella) in ihren Duetten, dazu gesellt sich eine quirlige Martina Janková, die als Despina alle Register ihres Könnens und komödiantischen Talents ziehen kann. Malin Hartelius umschifft die Klippen der gefürchteten Felsenarie Come scoglio mit Bravour und füllt das Rondo Per pietà dank ihrer immensen Gestaltungskunst mit berührender Tiefe. Anna Bonitatibus lässt bereits mit ihrem ersten Ton im Duett aufhorchen und läuft dann im raschen Smanie implacabili zu überragender Hochform auf, welche sie in ihrer zweiten Arie E amore un ladrincello wahrhaftig bestätigt. Welch grossartige Sängerin!
Doch auch die drei Herren brauchen sich nicht zu verstecken. An erster Stelle muss der Tenor Javier Camarena genannt werden. Das Versprechen, das er anlässliche der Premiere von ITALIANA IN ALGERI vor zwei Jahren gegeben hatte, wurde mit diesem überragenden Rollendebüt als Ferrando mehr als eingelöst. Die wohl schönste aller Mozart Tenorarien Un aura amorosa hat man noch kaum je bewegender gehört. Der weiche Stimmansatz, die wunderbare Phrasierungskunst, die subtilen Piani und gekonnten Crescendi sind zum Dahinschmelzen. Kein Wunder wagt sich Fiordiligi bei diesen Tönen aus ihrer Kammer und hört – ebenso ergriffen und verzaubert wie das Publikum – dem Sänger zu.
Ruben Drole betont umwerfend komisch die buffonesken Charakterzüge des Guglielmo. Seine Auftritte sind gespickt mit Anzüglichkeiten und Frotzeleien. Aber all dieser Aktionismus beeinträchtigt seinen Gesang nicht in geringster Weise – warm strömt sein durchschlagskräftiger Bariton, edel bleibt die Phrasierung. Oliver Widmer hält als Don Alfonso die Strippen des sadistischen Spiels mit den Gefühlen der vier Liebenden mit nonchalanter Lässigkeit in der Hand, greift energisch ein, wenn die Herren oder Despina aus den Rollen zu fallen drohen. Bei einigen turbulenten Aktionen, die während den Arien abliefen, hätte Don Alfonso vielleicht noch etwas früher eingreifen sollen…Charakterlich ist dieser Don Alfonso ein durchaus fragwürdiger Geselle, aber durch Widmers ironisierende Gestaltung nicht mal so unsympathisch.
Doch das edle Geschmeide aus den Brillanten entsteht erst durch das Zusammenspiel dieser sechs fantastischen Sängerinnen und Sänger, durch die Regie, das Bühnenbild, den Chor und vor allem durch die Unterstützung und Führung von Dirigent und Orchester. Regisseur Sven-Eric Bechtolf vertraut Mozart und Da Ponte vollständig, da wird nichts übergestülpt, was nicht in Partitur oder Libretto vorhanden wäre. Und doch wirkt die Inszenierung nicht verstaubt, sie ist von begeisternder Frische, die Personenführung und die Charakterzeichnungen sind von grösster Glaubwürdigkeit. Im schlichten, aber funktionalen Einheitsbühnenbild von Rolf Glittenberg und den geschmackvollen Kostümen von Marianne Glittenberg zeichnet der Regisseur ein symmetrisches Spiel, das genau der konzeptionellen Symmetrie der Oper entspricht. Zwar wirken die Wände und der Fussboden in ihrem strahlenden Weiss total aseptisch, doch gerade in diesem leeren Raum können die spielfreudigen Protagonisten ihr mal ernstes, mal parodistisches Spiel aufs Herrlichste entfalten. Das Spiel mit den Requisiten verdient ganz besondere Erwähnung: Wie da Putzeimer, Phallussymbole, Fruchtmännchen und Flaschen eingesetzt werden ist zwar oberflächlich gesehen erst mal wirklich lustig, hat aber ganz und gar nichts mit billigem Schwank und Schenkelklopfen zu tun.
Nur an ganz wenigen Stellen wird die Symmetrie aufgehoben, gerät aus den Fugen, so zum tragischen Schluss, der aus dem oft so harmlos wirkenden Plot dann doch noch ein echtes Drama macht. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, das muss man gesehen haben!
Franz Welser-Mösts Rückkehr ans Pult gerät zu einem wahren Triumph. Das Orchester spielt unter seiner Leitung einen unglaublich differenziert und spannend klingenden Mozart. Der ehemalige Generalmusikdirektor lotet die Regungen bis in die feinsten Pianissimi aus, scheut dann aber auch gross angelegte Crescendi nicht und das Orchester folgt ihm mit eleganter Brillanz. Fast sämtliche üblicherweise gestrichenen Szenen und Arien werden gespielt.

Nach Mozarts ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL soll Joseph II. gesagt haben: »Zu schön für unsere Ohren und gewaltig viel Noten, lieber Mozart« – worauf Mozart geantwortet habe: »Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind.«
Dieser Antwort Mozarts kann man auch nach dieser fast vierstündigen Aufführung von COSÌ FAN TUTTE in Zürich vorbehaltlos zustimmen.

Fazit:
Mozart vom Allerfeinsten: Eine zu Recht umjubelte Aufführung. Funkelnd und faszinierend wie ein kostbarer Schmuck, dazu mit dem nötigen Quentchen Verspieltheit, Erotik und durchschimmernder Ernsthaftigkeit.

Inhalt:
Neapel um 1790
Die beiden Offiziere Ferrando und Guglielmo sind von der Treue ihrer beiden Geliebten Dorabella und Fiordiligi restlos überzeugt. Der Zyniker Don Alfonso hingegen zweifelt grundsätzlich an der Treue der Frauen. Es wird eine Wette eingegangen und Don Alfonso setzt ein menschenverachtendes Experiment in Gang, unterstützt von
Despina, der Kammerzofe der beiden Schwestern. Nach anfänglicher Standhaftigkeit werden die beiden Frauen doch schwach, verlieben sich übers Kreuz in die verkleideten Liebhaber und unterzeichnen gar einen Ehevertrag. Der Schwindel wird aufgedeckt. Beschämung allerseits, doch am Schluss steht die Moral, dass man die Wechselfälle des Lebens mit Humor tragen solle, denn schliesslich machen es ja alle so … Così fan tutte (e tutti!)

Werk:
Così fan tutte gehörte lange Zeit nicht zu den beliebtesten Opern Mozarts, obwohl die Musik zum Schönsten und Einfühlsamsten zählt, was Mozart komponiert hatte. Seine Gabe, tief in die Seele der Menschen hineinzublicken, Schwächen und widerstreitende Gefühle auszuloten und diese in beglückend schöne Noten zu setzen, erreichte in dieser Oper einen Höhepunkt.
Mozarts liberale Gesinnung und sein Einstehen für die sexuelle Selbstbestimmung stand in herbem Widerspruch zum aufkeimenden Puritanismus, der nach der französischen Revolution einsetzte. Wegen des nach dem Tod des aufgeklärten Reformkaisers Joseph II. moralisch unter Druck gekommenen Librettos und abfälliger Äusserungen von Beethoven (obwohl er eine Fiordiligi Arie zum Vorbild für die grosse Leonoren Arie genommen hat …) und Wagner bekam das Werk erst im 20. Jahrhundert seinen verdienten Stellenwert im Repertoire.

Musikalische Höhepunkte:
Soave il vento, Terzett Fiordiligi, Dorabella, Don Alfonso, Akt I
Ah, scostati … Smanie implacabili, Szene und Arie der Dorabella, Akt I
Come scoglio, Arie der Fiordiligi, Akt I
Un aura amorosa, Arie des Ferrando, Akt I
Una donna a quindici anni, Arie der Despina, Akt II
Per pietà, Arie der Fiordiligi, Akt II
Il core vi dono, Duett Dorabella, Guglielmo, Akt II
Fra gli amplessi, Duett Fiordiligi, Ferrando, Akt II

Samstag, 27. Juni 2009

St. Gallen: SAMSON ET DALILA, 26.6.09

St. Gallen, Klosterhof

Eindringliche, starke Bilder an einem der wohl schönsten Openair Plätze: Diese grossartige Festspielproduktion in St. Gallen berührt und begeistert!

Premiere: 26. Juni 2009

Oper in drei Akten
Musik: Camille Saint-Saëns
Libretto : Ferdinand Lemaire
Uraufführung: 2. Dezember 1877 in Weimar
Aufführungen in St. Gallen: 26.6. | 27. 6. | 30.6. | 3.7. | 4.7. | 8.7. |10.7.09
Beginn jeweils 20.30 Uhr

Weitere Informationen und Tickets

Kritik:
Die starken, unter die Haut gehenden Bilder dieser Produktion wird man so schnell nicht vergessen: Zu Beginn füllt sich das von rostigen Eisenplatten umgebene, klaustrophobisch anmutende Halbrund (Bühne: Ferdinand Wögenbauer) mit quälender Langsamkeit mit verfolgten, unterdrückten Juden. Junge, Alte, Kranke, Kinder treten einzeln und in Gruppen auf, ihre in Grau- und Schwarztönen gehaltenen Kostüme (Annamaria Heinreich) sind verschmutzt. In fatalistischer Ergebenheit scheinen sie sich ihrem schmerzvollen Schicksal zu ergeben, bevor sie sich gemeinsam zur Anklage gegen den Gott, der sie im Stich gelassen hat, vereinen. Die ergreifende Klage wird von den Chören (Chor des Theaters St.Gallen, Theaterchor Winterthur, Prager Philharmonischer Chor) mit grosser Eindringlichkeit vorgetragen. Ganz gegensätzlich präsentiert Regisseur Stefano Vizioli dann die dekadente Welt der Philister, den von Lustsklaven umgebenen Abimelech (Roman Ialcic mit profundem Bass, man bedauert, dass er so früh von Samson ermordet wird, hätte ihm gerne noch länger zugehört … ), den wollüstigen, polternden Oberpriester (sehr präsent singend und agierend: Anooshah Golesorkhi) und natürlich die verführerische Dalila. Mon coeur s’ouvre à ta voix singt sie – und nicht nur Samson verfällt ihren Reizen, auch das Publikum ist fasziniert von dieser Stimme und öffnet seine Herzen für sie. Elena Maximova ist die perfekte Dalila: Mit ihrem wunderbar satt, leicht guttural strömenden, viel Erotik und Wärme ausstrahlenden Mezzo vermag sie restlos zu begeistern. Sie ist die Liebende, die Verführerin, aber auch die von den Männern ausgenutzte und missbrauchte Frau. Die Zerrissenheit des Helden Samson zeigt Ian Storey (der Zürcher Tristan!) überzeugend. Zu Beginn ist er der über sich hinauswachsende Held, der sein Volk zum Widerstand antreibt, dann verfällt er den Verführungskünsten der Dalila, folgt seinen Trieben und wird doch immer wieder von religiösen Gewissensbissen heimgesucht. Ian Storey wagt es auch, den Beginn des dritten Aktes mit gebrochener Stimme zu gestalten. Doch noch einmal erhebt sich sein Tenor zu strahlender Höhe, als er den Tempel zum Einsturz bringt. Seine leicht gaumig klingende Stimme mag nicht jedermanns Sache sein, mit gefiel seine Interpretation ausgezeichnet. Vielleicht lag es auch daran, dass dank der Microports kein Sänger gezwungen war zu forcieren. Die Stimmen klangen überaus präsent, die Balance zwischen dem differenziert aufspielenden Orchester und den Stimmen war wunderbar ausgeglichen. Ein grosses Lob für die Tontechniker!
Dirigent Sébastien Rouland hielt den riesigen Apparat über verschiedene Monitore zusammen, es ergaben sich praktisch keine Wackler. Es lohnt sich durchaus, auch mal den Kopf zu wenden und über einen der Monitore einen Blick auf sein faszinierendes, engagiertes Dirigat zu werfen. Seine kluge, eindringliche Konzeption war geprägt von eher getragenen Tempi. Trotzdem vermochte er die Spannung zu halten, zeichnete eindringliche Bögen – und überraschte dann mit einem ziemlich schnell dirigierten Mon coeur s’ouvre à ta voix, was dieser zentralen Szene, diesem Bravourstück des Mezzorepertoires, einen ganz besonderen, psychologisch tiefgründigen Reiz verlieh.
Zum Schluss lassen sich die Philister in einem wahren Blutrausch von den ekstatischen Tänzern anstecken (die Choreografie von Annarita Pasculi vermochte in diesem Bacchanale weit mehr zu überzeugen als beim Auftritt der Philisterinnen). Nur die überstark geschminkte, nun zur Hure degradierte Dalila wendet sich apathisch ab, während die Philister in verblendeter Verzückung einem Betonklotz huldigen, der dann von Samson in einer letzten Aufwallung seiner Kräfte gesprengt wird. Die herausströmenden (atomaren?) Dämpfe vernichten alle.

Fazit:
Diese Openair Produktion ist ein Ereignis: Starke Bilder, eindringliche Personenführung und hervorragende Sänger lassen SAMSON ET DALILA zu einem ergreifenden, berührenden Erlebnis werden!

Inhalt:
Das Libretto der Oper beruht auf der biblischen Geschichte des Israeliten Samson, der mit seinen übermenschlichen physischen Kräften die das hebräische Volk unterdrückenden Philister schlägt, aber wegen seiner Liebe zur feindlichen Priesterin Dalila menschliche Schwächen offenbart. Dalila führt ihn in Versuchung, Samsons Fleisch ist schwach. Dalila entlockt ihm das Rätsel seiner Stärke. Durch seine Entmannung (Verlust seines langen Kopfhaares) wird er impotent. Die Philister nehmen ihn gefangen, berauben ihn seines Augenlichts und lassen ihn weibische Sklavenarbeit verrichten. In einer letzten Aufwallung und unter verzweifelter Anrufung seines Gottes erlangt er noch einmal seine frühere Stärke. Er reisst die Säulen des heidnischen Tempels ein. Die herabstürzenden Trümmer begraben ihn, Dalila und viele Tausend Philister.

Werk:
Die französische Oper befand sich Mitte des 19. Jahrhunderts in einer grossen Krise. Das Publikum huldigte einerseits den Belcanto-Opern Donizettis und Bellinis oder den monumentalen Werken Meyerbeers, andererseits erlangten die Werke Richard Wagners immer mehr Anhänger (siehe auch FERVAAL in Bern). Eine eigenständige französische Musiksprache konnte sich (trotz Berlioz’ und Gounods Werken) nicht durchsetzen. Zwischen den beiden Lagern tobten vehemente Kämpfe. Jeder Komponist, der dem Orchester einen wichtigeren Stellenwert zuordnete, wurde vom konservativen Lager gleich als Wagnerianer verschrien. So konnte sich auch Saint-Saëns Hauptwerk (zuerst als Oratorium geplant) vorerst in Frankreich nicht durchsetzen, obwohl es weit entfernt vom Wagner Epigonentum ist. Die Grand Opéra de Paris übernahm das Werk erst 1892, danach aber setzte es zu einem grossartigen Siegeszug an und kam allein in Paris im letzten Jahrhundert auf über 1000 Aufführungen. Die farbenreich orchestrierte Partitur mit ihren Orientalismen, den sinnlich erotischen Melodien der Dalila und der raffinierten Gegenüberstellung des barockisierenden Sakralstils in den Chören der Hebräer mit den chromatisch angelegten Philisterszenen gehört zu den absoluten Meisterwerken der französischen Opernliteratur. Die in erotischer Mezzolage singende FEMME FATALE, welche mit Bizets CARMEN Einzug in die Opernwelt gehalten hatte, fand in DALILA eine würdige Nachfolgerin.

Musikalische Höhepunkte:
Israël, rompe ta chaîne, Samson und Hebräer, Akt I
Printemps qui commence, Arie der Dalila, Akt I
Amour, vien aider ma faiblesse, Monolog der Dalila, Akt II
Mon coeur s’ouvre à ta voix, Liebesszene Dalila-Samson, Akt II
Bacchanale, Ballett, Akt III
Gloire à Dagon, Hohepriester, Dalila, Samson, Finale Akt III