Mittwoch, 11. November 2009

Zürich: Galaabend 175 Jahre Opernhaus (Actientheater), 10.11.2009


Am 10. November 1834, vor genau 175 Jahren, wurde das Zürcher Actientheater mit Mozarts ZAUBERFLÖTE eröffnet. Mutige Zürcher Bürger aus verschiedensten weltanschaulichen Richtungen hatten dieses Theater, das im ehemaligen Barfüsserkloster an den Unteren Zäunen seinen Platz gefunden hatte, im zwinglianischen Zürich ins Leben gerufen, ein Unterfangen nicht ohne Risiko. Bis heute - und das ist europaweit wohl einmalig - wird dieses Haus durch seine wechselvolle Geschichte hindurch von den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt, dieses Kantons getragen, wird es an der Urne regelmässig unterstützt, so beim grossen Umbau (welcher auch zu den Opernhauskrawallen und damit im Nachhinein zur verstärkten Förderung der Alternativkultur führte) oder bei der Kantonalisierung. Deshalb ist die Gravur in der Fassade des Hauses Durch Bürgergunst geweiht der Kunst mehr als stimmig.
Zudem spielt das Haus - auch das im europäischen Vergleich einzigartig - ungefähr 45% seines jährlichen Budgets selbst ein, sei es an der Kasse oder durch Sponsoring. Heute steht das Haus zwar auf 1800 Pfählen am Seeufer (1890, nach dem Theaterbrand des alten Hauses in Rekordtempo aufgebaut), aber doch dank der Kantonalisierung auf ziemlich gesichertem finanziellem Fundament.
Der Zürcher Regierungsrat in corpore, ein Bundesrat und weitere mehr oder weniger Prominente füllten gestern Abend das Opernhaus anlässlich dieser Galavorstellung. Sämtliche Künstlerinnen und Künstler verzichteten auf die Gagen zugunsten der Nachwuchsförderung, welche in Zürich mit dem Internationalen Opernstudio, der Orcheterakademie und der Ballettakademie grosse Beachtung findet. Hausherr Alexander Pereira rechnet mit Einnahmen von rund SFR 300'000 an diesem Abend.
Viele Sängerinnen und Sänger, welche dem Opernhaus zum Teil seit Jahrzehnten treu verbunden sind, gaben sich die Ehre. Nach den Begrüssungsworten durch den Verwaltungsratspräsidenten Josef Estermann und der launigen, informativ-humorvollen Rede der Regierungsratspräsidenten Regine Aeppli begann der Abend musikalisch mit der Ouvertüre zu Mozarts NOZZE DI FIGARO - und mit dem Finale des 2. Aktes aus eben dieser Oper endete er dann auch - alle Beteiligten versammelten sich anschliessend noch auf der Bühne zum Feuerstrom der Reben aus der FLEDERMAUS.
Die eindrücklichsten musikalischen Erlebnisse waren Matti Salminens Auftritt mit dem grossen Monolog aus BORIS GODUNOW. Seit beinahe vier Jahrzehnten gehört der finnische Bass zum Zürcher Haus. Als Boris setzt er immer noch Massstäbe. Agnes Baltsa kam 1976 erstmals nach Zürich, geholt vom damaligen unvergessenen Intendanten Claus Helmut Drese. Die Baltsa und Neil Shicoff spielten und sangen beinahe den gesamten 4. Akt aus CARMEN, immer noch ist die Baltsa ein begeisterndes Bühnentier. Auch Shicoff zeigte sich an diesem Abend in stimmlich hervorragender Verfassung.
Ein anderer Zürcher Liebling, José Cura, durfte den Hit Nessun dorma aus TURANDOT in den Saal schmettern. Er tat dies mit dem Charme des Latin Lovers und seinen humoristischen Einlagen, welche allerdings nicht alle im Saal für angebracht hielten.
Jünger, aber mit ebensoviel Charme und unbeschwerter Freude am Singen dann der neue Stern am Tenorhimmel, Vittorio Grigolo: Er sang zwei Arien aus RIGOLETTO, das La donna è mobile mit kraftvollem hohem C, wenn auch etwas kurz gehalten für einen Galaabend.
Michael Volle begeisterte mit der so genannten Champagner-Arie aus DON GIOVANNI und im starken Zürcher Mozart Ensemble als Graf zusammen mit Judith Schmid (Cherubino), Ruben Drole (Figaro), Malin Hartelius (neben der Gräfin sang sie auch noch eine berührende Arie der Pamina) und Isabel Rey als quirliger Susanna. Frau Rey bot auch einen beschwingten Musetta Walzer aus Puccinis LA BOHÈME dar, obwohl sie dabei von Vladimir Fedoseyews Dirigat am Pult des - ansonsten gut aufspielenden Orchesters - etwas im Stich gelassen wurde. Weitere Lieblinge des Zürcher Publikums (Emily Magee, Elena Mosuc und Juan Pons) glänzten mit Szenen aus TOSCA und RIGOLETTO, der prächtig auftrumpfende Chor des Opernhauses mit Va, pensiero aus NABUCCO.
Vor der Pause folgte dann noch das Schlussbild aus dem Ballett RAYMONDA, ein Werk, das gegenwärtig auf dem Spielplan steht und das man nicht verpassen sollte.
Hausherr Alexander Pereira führte mit sympathischer Nervosität und selbstironisch kommentierten Patzern durch den über dreistündigen Abend.
Ein grosses Kompliment gebührt den GestalterInnen und AutorInnen der Festschrift. Zu Recht wird darin auf die zahlreichen Uraufführungen hingewiesen, welche in Zürich über die Bühne gingen. Und hier muss ich auch eine leise Kritik anfügen: Aus keinem dieser wichtigen Werke war an diesem Abend etwas zu hören, kein Sutermeister, kein Busoni, kein Alban Berg, kein Schönberg, kein Klebe, kein Hindemith, kein Holliger oder Kelterborn oder - aus jüngerer Zeit Rushton. Das ist ausserordentlich zu bedauern. Wird das Zürcher Publikum denn für dermassen beschränkt gehalten, dass man ihm anlässlich einer Gala nur Werke von Mozart bis Puccini zumuten kann? Und wenn ja, dann hätte sich wenigstens eine der in Zürich uraufgeführten Operetten von Stolz, Léhar, Oscar Straus oder Victor Reinshagen als Zückerchen angeboten ...
Nicht einmal die in den letzten Jahren so erfolgreich gepflegte Händel Renaissance erfuhr eine Würdigung. Falls sich keiner der Stars zu einer Szene aus einer Oper des 20. oder 21. Jahrhunderts hätte überreden lassen, wäre dies die Möglichkeit gewesen, jemanden aus dem Opernstudio damit zu betrauen. Diese Chance wurde leider vertan.

Für oper-aktuell: Kaspar Sannemann, 11. November 2009

Montag, 9. November 2009

Frankfurt a/M: DIE FRAU OHNE SCHATTEN, 7.11.2009





Kurzkritik:
Musikalisch kann man sich FRAU OHNE SCHATTEN heutzutage besser kaum vorstellen: Das beginnt bei der mit immenser Gestaltungskraft und grossartiger Mimik agierenden Caroline Whisnant als Färberin, setzt sich über die phänomenal singende, auch fortissimo Ausbrüche in den höchsten Lagen nicht scheuende Silvana Dussmann fort und kulminiert bei der textverständlich und ausdrucksstark singenden und sich nie in Sprechgesang oder hässliches Schreien flüchtenden Amme von Tanja Ariane Baumgartner. Nur schon diese drei grossartigen Frauenstimmen machen die Aufführung in Frankfurt zum Ereignis. Doch auch Michael König als Kaiser und Terje Stensvold als gutmütiger Barak brauchen sich hinter den Damen nicht zu verstecken. Die kleineren Rollen sind mit Christiane Karg (Hüter/Falke) und Johannes Martin Kränzle als Geisterbote ebenfalls überdurchschnittlich gut besetzt. Sebastian Weigle dirigierte eine Fassung, die beinahe ohne Striche auskam, was sehr begrüssenswert ist. Zwar vermochte er im ersten Akt einigen Koordinationsproblemen und verwackelten Einsätzen nicht zu entkommen, doch insgesamt spielte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester ganz hervorragend auf. Sehr verdienstvoll von Seiten des Dirigenten war, dass er die Stimmen nie in den Klangfluten ertränkte, wie das leider oft geschieht. So blieb die Balance zwischen Graben und Bühne stets gewahrt, instrumentale Solopassagen leuchteten herrlich auf.
Christof Nels eindringliche Personenführung im kargen Betonbunker von Jens Kilian und den an Baby Jane erinnernden Kostümen von Ilse Welter schufen eine Welt der Einengung, der Bedrückung. Kaiserin und Färberin kamen sich so auch äusserlich immer näher, beiden war es verwehrt erwachsen und selbständig zu werden, sie blieben Kindfrauen. So ist dann das Ende auch kein glückliches. Die beiden Paare sind zwar zusammen, doch gefangen im Bunker. Der Blick der beiden Damen schweift sehnsuchtsvoll in die Ferne ...

Basel: AUS EINEM TOTENHAUS, 8.11.2009




Oper in drei Akten
Musik: Leoš Janáček
Libretto: vom Komponisten, nach Dostojewskis Dokumentarroman
Uraufführung: 12. April 1930 in Brünn
Aufführungen in Basel: 8.11. |10.11. | 14.11. | 22.11. | 30.11.2009 | 10.1. | 27.1. | 5.2. | 13.2. | 17.2. | 19.2.2010


Kritik:
Mit brutalem, gnadenlosen Realismus zeigt Regisseur Calixto Bieito die Hölle dieses Gefangenenlagers; ein Hölle, die sowohl durch den Umstand des Freiheitsentzugs als auch - frei nach Sartre - durch die Andern, die Mithäftlinge, den Kommandanten und seine Schergen entsteht und der keiner entfliehen kann. Die unerbittliche Ausweglosigkeit dieser unmenschlichen, von schreiender Ungerechtigkeit erfüllten, durch Menschen verursachten Situation, welche zu Tod, Mord, Wahnsinn, Korruption und sexuellem Missbrauch führt, wird in der Basler Neuinszenierung ungeschönt, aggressiv und direkt dargestellt. Bereits beim Fussballspiel im Gefängnishof, zu der vom Sinfonieorchester Basel so eindringlich gestalteten Ouvertüre, sind die kommenden Gefühlsschwankungen zwischen Freude, Wut, Verzweiflung und Aggression passend zu den unterschiedlichen musikalischen Motiven angelegt.
Für Emotionen oder Mitgefühl bleibt in diesem Lager, das überall stehen könnte, praktisch kein Platz, und wenn Gefühle dann doch einmal kurz aufschimmern, wie in der Zuwendung des politischen Häftlings Gorjantschikow zum von zwei Wachmännern vergewaltigten Alej, werden sie durch Todesschüsse gleich wieder zum endgültigen Verstummen gebracht. Wenn man dieser Inszenierung einen Vowurf machen könnte, dann den, dass jegliche Menschlichkeit gleich abgewürgt wird. Von den göttlichen Funken in jedem Menschen ist kaum etwas zu spüren, selbst der Appell des alten Sträflings „Auch ihn hat eine Mutter geboren“ verhallt ohne Echo. Selbst das Osterfest und die anschliessenden, von unterdrückten sexuellen Wünschen durchsetzten Pantomimen enden nach dem orgiastischen Tanz in Vergewaltigung und Massenhinrichtung.


Janáčeks sperrige letzte Oper erfährt in Basel eine Wiedergabe von allergrösster szenischer und vor allem auch musikalischer Intensität. Sämtliche Sänger (es sind nur Männer, auch die einzige weibliche Rolle, eine Dirne, wird in Basel von einem Mann dargestellt) verschreiben sich mit jeder Faser ihres Körpers und ihrer Stimme den geforderten Rollen, zeichnen ergreifende Psychogramme ihrer Figuren. Sie singen und spielen mit überwältigender Eindringlichkeit, bis zur Selbstentblössung: Rolf Romei als Skuratow, der immer mehr die Gestalt seiner geliebten Luisa annimmt, Claudio Otelli als Schischkow, der seinen langen Monolog zu einem grandiosen Moment des Abends werden lässt oder Eung Kwang Lee, der so ergreifend seine Hilflosigkeit zeigt, als sein Geliebter Alej (anrührend: Fabio Trümpy) blutüberströmt nach dem sexuellen Missbrauch durch die Schergen in seinen Armen liegt. Ludovit Ludha als Filka und KarlHeinz Brandt als Schapkin ergänzen überzeugend das Ensemble der Gefangenen. Auf der andern Seite agieren Andrew Murphy und Erlend Tvinnereim mit krasser, menschenverachtender Brutalität als Platzkommandant und Wache.
Die karge Bühne von Calixto Bieito und Philipp Berweger, mit dem Doppeldecker (anstelle des Adlers im Libretto) als Symbol der Hoffnung und der Freiheit und die durch Ingo Krügler so treffend entworfenen Bekleidungen tragen das ihrige zur stimmigen Umsetzung des Dramas bei. Sie unterstreichen damit gekonnt die Kargheit der Musik und fokussieren den Blick des Zuschauers auf die Abgründe und die Hölle, durch welche die Gefangenen gehen müssen.


Ein ganz besonderes Lob gebührt der Maskenbildnerei des Basler Theaters. Wie die Abgestumpftheit, die Aggression, die Wut und die psychischen und physischen Verletzungen in den Gesichtern der Gefangenen zu erkennen sind, zeugt von grösster Professionalität.
Das Sinfonieorchester Basel unter der einfühlsamen Leitung von Gabriel Feltz  evoziert die expressionistischen Klänge mal mit feiner, dann wieder kräftig herber Klangmalerei.

Fazit:
Janáčeks letzte Oper erfährt in Basel eine musikalische und szenische Wiedergabe, die niemanden unberührt zurücklehnen lässt - gnadenlos und hart, aber mit ergreifender Kraft.

Werk:
Leoš Janáček - neben Puccini und Richard Strauss der meistgespielte Komponist des vergangenen Jahrhunderts - schuf mit seiner letzten Oper ist zugleich eines der ungewöhnlichsten Werke des 20. Jahrhunderts. Als Vorlage diente dem Komponisten Dostojewskis autobiografisch gefärbter Roman, in welchem Dostojewski eigene Erlebnisse als Häftling im Gefängnis von Omsk verarbeitete. Leoš Janáčeks formte die Vorlage unter Verwendung von zum Teil wortgetreuen textlichen ?bernahmen in eine bewegende Oper ohne klar durchgehende Handlung um. Als Motto schrieb Janáček über seine Partitur: In jeder Kreatur ein Funke Gottes.
Die Ouvertüre war zuerst als Violinkonzert (mit dem Titel Wanderung einer Seele) konzipiert.
Die für Janáček so typischen, minimal gehaltenen Motive, die rhythmischen Ostinati und herb, aber transparent klingenden Akkordschichtungen und die reine Männerbesetzung verleihen dem quer zur Operntradition stehenden, schwer verdaulichen Werk eine Ausnahmestellung.

Inhalt:
Ort: Ein Strafgefangenenlager, z. B. in Sibirien
Den Rahmen der Oper bildet die Einlieferung des aus politischen Gründen verhafteten Gorjatschikow, der sich mit dem jungen Häftling Aljeja anfreundet, und seine überraschende Entlassung am Ende der Oper. Dazwischen erfährt man in längeren und kürzeren Monologen von Einzelschicksalen, Hoffnungen und Enttäuschungen der Mitgefangenen, erlebt die Brutalität, mit welcher die Aufseher die Häftlinge traktieren, nimmt an einem Osterfest und an einem Theaterspiel im Lager teil und begreift, warum einigen Insassen nur noch der Weg in den Wahnsinn bleibt. Ein brutal klingender Marsch ruft die Gefangenen am Ende der Oper wieder zur Arbeit und setzt einen unversöhnlichen Schlusspunkt.


Für oper-aktuell und art-tv: Kaspar Sannemann, 9. November 2009

Sonntag, 1. November 2009

Zürich: RAYMONDA, 31.10.2009


Ballett in drei Akten (in Zürich zwei Akte, vier Bilder)
Musik: Alexander Glasunow
Choreograph der Uraufführung: Marius Petipa
Uraufführung: 7. Januar 1898 in St. Petersburg
Aufführungen in Zürich:
31.10.| 1.11. | 7.11. | 8.11. | 14.11.| 15.11. | 25.11. 2009 | 10.3. | 14.3. | 18.6. 2010
Infos und Karten

Kritik:
Einmal mehr verzaubert Heinz Spoerlis Balletttruppe durch ihre Vielseitigkeit, ihre Perfektion und und ihre unglaubliche Musikalität. Eben noch begeisterten die Tänzerinnen und Tänzer mit Choreographien von Twyla Tharp und Hans van Manen, nun beweisen sie sich in einem der grossen Klassiker des spätromantischen Repertoires, Glasunows RAYMONDA.
Heinz Spoerli hat die Geschichte von den pantomimischen, heutzutage wahrscheinlich peinlich wirkenden Zutaten entschlackt. Er legt den Fokus überzeugend auf die Geschichte eines Teenagers, welcher durch die Entdeckung der Liebe und der Erotik quasi über Nacht zur jungen Frau reift. Die umjubelte junge Primaballerina Aliya Tanykpayeva ist Raymonda, sie ist dieser zu Beginn kichernde Backfisch, welcher am Ende des Abends Begehren und sexuelles Verlangen durch den Sarazenen Abderachman erfahren und dann doch (vorläufig …) in den starken Armen des Ritters Jean de Brienne Sicherheit gefunden hat. Von ätherischer Leichtigkeit durchflutet ist ihr erstes Solo, das Pizzicato, so wundervoll funkelnd begleitet von Harfe und Flöte. Hin- und hergerissen zwischen den beiden starken Männern zeigt sie sich im zweiten Bild, im grossen Adagio, einem Pas de trois, diesmal wunderbar einschmeichelnd begeitet von der Solovioline. Als ihr tänzerischer Höhepunkt und pièce de résistance dann gegen Ende des grandiosen Abends die von zarter Wehmut erfüllte 5. Variation, mit perfekter Fussarbeit brillant auf der Spitze getanzt. Das umstrittene Händklatschen wurde nur einmal leicht angedeutet. Diese junge Tänzerin hat begeistert und in Erstaunen versetzt. Es ist ein grosses Glück, sie im Zürcher Ballett erleben zu dürfen.

Stanislav Jermakov als Jean de Brienne war ihr ein sicherer Partner. Dadurch, dass Spoerli jedoch den Sarazenen Abderachman (Vahe Martirosyan) viel früher als gewohnt ins Spiel bringt und dessen Rolle aufwertet, muss Jermakov gegen die Virilität und die starke erotische Ausstrahlung des Sarazenen auf beinahe verlorenem Posten ankämpfen. Erst in seinem grossen Solo nach dem Pas hongrois kann er zeigen, dass seine Sprünge ebenso raumgreifend und kraftvoll sind wie jene von Vahe Martirosyan. Und doch versteht man, dass Raymonda von Abderachman, von dessen offen zur Schau gestellter Erotik, welche leicht in fordernde Brutalität kippen könnte, mehr und mehr angezogen wird. Da Abderachman beim Duell nur verwundet wird, bleibt offen, ob die Beziehung mit Jean eine von Dauer sein wird. Auch dadurch wirkt Spoerlis kluge Arbeit wieder sehr zeitgemäss. Aufgewertet hat Spoerli auch die Rollen der Freunde Raymondas. Kein Wunder angesichts der Tatsache, dass er zwei so erstklassige Tänzer wie Arsen Mehrabyan (Bernard) und Arman Grigoryan (Béranger) mit ihren ebenfalls hervorragenden Partnerinnen Vittoria Valerio (Clémence) und Galina Mihaylova (Henriette) zur Verfügung hat. Sarah-Jane Brodbeck verleiht der weissen Dame wunderbar das sie umgebende Geheimnisvolle, Schwebende. Die spannend, virtuos und abwechslungsreich choreographierten Walzerszenen und die mit selbstverständlicher Perfektion vom herausragenden Corps dargebotenen ungarischen Tänze und Galops sind weitere Höhepunkte dieses durch und durch stimmigen Abends. Unterstrichen wird die Handlung durch die in dezenten Farben gehaltenen Kostüme und das unaufdringliche, liebevolle Bühnenbild von Luisa Spinatelli.

Aber nicht nur was auf der Bühne abläuft ist Weltklasse. Ebenso grosse Aufmerksamkeit verdient das Orchester der Oper Zürich unter Michail Jurowski, der mit diesem Dirigat einen begeisternden Einstand in Zürich gibt. Wie der Dirigent mit der farbenreichen Musik mitlebt, ihr schwärmerisches, melancholisches und mitreissendes Potential herausarbeitet, die Kantilenen wunderbar warm fliessen lässt, seine Begeisterung direkt auf die in allen Instrumentengruppen herausragend spielenden MusikerInnen überträgt, ist einmalig. Hoffentlich wird diesem Maestro bald einmal die Einstudierung einer Oper in Zürich anvertraut.
Fazit:
Ein romantisches Handlungsballett in der meisterhaften Handschrift von Heinz Spoerli, hinreissend und mit überragender Virtuosität dargeboten vom Zürcher Ballett und phänomenal begleitet vom Orchester der Oper Zürich unter Michail Jurowski.
Inhalt:
Eine junge Frau (Raymonda) entdeckt die Liebe: Obwohl sie mit dem Ritter Jean de Brienne verlobt ist, fühlt sie sich während dessen kriegsbedingter Abwesenheit zum sarazenischen Fürsten Abderachman hingezogen. Traumwelt und reale Wunschvorstellungen vermischen sich. Eine geheimnisvolle „Weisse Dame“ bewirkt einen Zweikampf zwischen den beiden um Raymonda werbenden Männer. Der Sarazene wird dabei verwundet. Im Beisein des ungarischen Königs findet die prunkvolle Hochzeit zwischen Raymonda und Jean de Brienne statt.
Komponist und Werk:
Alexander Glasunow (1865 – 1936) war ein bedeutender russischer Symphoniker. Sehr bekannt ist auch sein Violinkonzert. Seine Kompositionen zeichnen sich durch souveräne Beherrschung der Kompositionstechnik und einen gewissen Hang zum Pathos aus.
RAYMONDA entstand in Zusammenarbeit mit dem grossen Choreographen Marius Petipa. Es steht ganz in der Tradition der grossen romantischen Handlungsballette Tschaikowskys. Die weit gehend sinfonisch gehaltene Partitur wird durch sarazenische und ungarische Charaktertänze aufgelockert. Die Titelrolle zählt zu den schwierigsten des klassischen Repertoires.
RAYMONDA war u.a. 1971/72 in Zürich zu sehen, mit Marcia Haydée und in der Choreographie von Rudolf Nueyev, der auch den Jean de Brienne tanzte, in einer der teuersten Ausstattungen (Nikolas Georgiadis) aller Zeiten für ein Ballett.
Für art-tv und oper-aktuell: © Kaspar Sannemann, 31.Oktober 2009

Sonntag, 25. Oktober 2009

St.Gallen: MEDEA IN CORINTO, 24.10.2009






Melodramma tragico in zwei Akten
Musik: Giovanni Simone Mayr
Libretto: Felice Romani
Uraufführung: 28. November 1813 in Neapel
Aufführungen in St.Gallen: 24.10. | 28.10. | 1.11. | 6.11. | 16.11. | 20.11. | 22.11. | 24.11. | 13.12. | 20.12. | 29.12.2009 | 20.1. 2010


Infos und Karten

Kritik:
Besuchte Vorstellung: 24. Oktober 2009
Die Musik- und Opernfreunde können dem Theater St.Gallen nicht dankbar genug sein für diese Ausgrabung eines zu Unrecht viel zu selten gespielten Werkes. Diese MEDEA IN CORINTO von Giovanni Simone Mayr hat nicht nur musikalisch einiges zu bieten, das Werk ist auch musikhistorisch äusserst interessant, steht es doch an der Schwelle von der Klassik zur Romantik, setzt die Errungenschaften der Vergangenheit gekonnt ein und besitzt darüber hinaus weit in die Zukunft weisende Qualitäten mit der Vorwegnahme von Elementen der Schauerromantik, dem Einbezug subtiler Orchesterfarben und gross angelegter, durchkomponierter Szenen. Das Sinfonieorchester St.Gallen unter der souveränen Leitung von David Stern gestaltet diese Musik wunderbar plastisch, mit grossem Atem und wo nötig zupackender Dramatik werden sowohl die Eigenständigkeit des Orchestersatzes betont als auch der herausragende Chor des Theaters St.Gallen und das exzellente Sängerensemble einfühlsam begleitet. Und diese Sängerinnen und Sänger haben es wahrlich in sich: Elzbieta Szmytka (sie hat bereits in Bern als Medea von Cherubini für Furore gesorgt) ist eine berührende Titelfigur. Sie durchschreitet darstellerisch gekonnt die Emotionsebenen dieser enttäuschten, verstossenen und an den Rand gedrängten Frau, die erst allmählich zur rasenden, dem Wahnsinn anheim fallenden Rächerin wird. Ihrer Stimme mag die dämonische Tiefe etwas fehlen, doch dieses kleine Manko wird durch ihre triumphale Sicherheit in der Höhe und die Geläufigkeit in den Fiorituren und Kadenzen mehr als kompensiert. Mit sanft weichem Ansatz und hellem, sauberem Sopran stattet Evelyn Pollock die naiv liebende Creusa aus. Mayr hat zwei schwierige, hohe und geläufige Stimmen voraussetzende, Tenorpartien geschrieben. St.Gallen wartet auch hier mit einer phänomenalen Besetzung auf: Giasone, dieser eitle, selbstverliebte Dandy, wird von Mark Milhofer restlos überzeugend dargestellt und gesungen. Sein Gegenspieler Egeo wird dank des mit brillanter Technik und stimmlichem Wohlklang singenden Lawrence Brownlee zum Ereignis. Dass es dem Theater St.Gallen gelungen ist, einen Sänger solchen Formats (Mailänder Scala, Met, Wiener Staatsoper, Deutsche Oper Berlin …) zu verpflichten, ist nicht hoch genug zu würdigen.
Die im Rollstuhl auftretende Napoléon-Karikatur des Königs Creonte wird von Wojtek Gierlach mit sonorem, wohlklingendem Bass gestaltet, die kleineren Partien werden durch das schauspielerische Talent von Fiqerete Ymeraj, Andrés del Castillo und Carlos Petruzziello aufgewertet.

Bleibt die Regie von David Alden in der Ausstattung von Giles Cadle (Bühne) und Jonathan Morrell (Kostüme): Sie haben das Geschehen in die Entstehungszeit des Werkes, an den kaiserlichen Hof von Bonaparte, verlegt. Das kann man machen, zwingend ist es nicht. Schrill und bunt geht es da zu und her, lenkt aber vom eigentlichen Seelendrama und den Qualen der Protagonisten ab. Einige Passagen sind jedoch sehr gelungen, so die Begegnungen von Medea und Giasone, welche psychologisch sehr intensiv durchgestaltet sind. Eine Pracht ist allerdings Medeas schwarzes Kostüm, welches sie zur Trauung von Creusa mit Giasone trägt. Lächerlich hingegen wirkt das piratenhafte Gehabe des Egeo und etwas gar Holzhammer artig der Ausblick Medeas auf heuntergekommene DDR-Plattenbauten, als sie von ihrer drohenden Verbannung erfährt, oder der Einsatz der schwarzen Unglücksraben als Vorboten des Unheils, welches über den eigentlich desinteressierten und oberflächlichen Hofstaat hereinbrechen wird.
Doch diese Einwände vermögen die wirklich packende Wiedergabe der meisterhaften Oper von Mayr nicht zu trüben.
Fazit:
Ein zu Unrecht sträflich vernachlässigtes Werk erhält durch die phänomenale musikalische Umsetzung in St.Gallen seine verdiente Anerkennung. Nicht verpassen!
Inhalt:
Jason kehrt siegreich von einem Feldzug zurück, den er für König Kreon geführt hat. Als Belohnung erhält er die Hand von dessen Tochter Creusa. Er verstösst seine frühere Gemahlin Medea. Diese rast vor Zorn und schwört grausame Rache. Dazu verbündet sie sich mit einem Freier Creusas, Egeo von Athen. Als die beiden versuchen, Creusa zu entführen, werden sie von Kreon und Jason gefangengenommen. In einer unterirdischen Grotte bittet Medea die Furien, ein vergiftetes Kleid herbeizuschaffen. Creusa zieht das Kleid an und stirbt auf der Stelle. In einem weiteren Anfall von Raserei tötet Medea die beiden Kinder, welche sie gemeinsam mit Jason hatte und zeigt sie triumphierend Jason und der Menge. Dann flieht sie mit einem von Drachen gezogenen Wagen in ihre Heimat.
Werk:
Der Medea Stoff gilt seit der Antik als Sinnbild für Liebe, welche sich durch Enttäuschung und Verrat in grenzenlosen Hass und brutale Rache wandelt. Medea besitzt dämonische und seherische Kräfte, löst Urängste aus und wird deshalb aus der Gesellschaft ausgegrenzt und verdammt. Der Stoff hat immer wieder Künstler aller Gattungen zu grossen Werken inspiriert, wurde z.B. von Pasolini mit Maria Callas als Medea auch verfilmt. Im Bereich des Musiktheaters erlangte Cherubinis Vertonung von 1797 Berühmtheit. Diese Oper war 2008 in Bern zu sehen.
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts, ausgehend vom titanischen Menschenbild der Französischen Revolution, begeisterte sich das Publikum an den im zentralen Primadonnenpart dargestellten Seelennöten einer gepeinigten und rachegierigen Frau. Vergleichbar ist dieses Interesse mit Tendenzen der letzten Jahrzehnte: Christa Wolf (Medea Stimmen) und Ursula Haas (Freispruch für Medea) befreiten in ihren Romanen die unzähmbare Aussenseiterin von der ihr in fast allen Adaptionen seit Euripides zugeschriebenen Dämonik. In ganz frühen Mythen aber war die Königstochter und Priesterin, die vom Sonnengott Helios abstammt, eine Lichtgestalt.
Giovanni Simone Mayr steht mit seinem Werk musikalisch zwischen Mozart und Rossini. Der ursprünglich aus Bayern stammende Komponist erlangte in Italien mit über 60 Opern, zahlreicher Kirchen- und Kammermusik und als Lehrer Donizettis in Bergamo einen grossen Bekanntheitsgrad. Als jedoch Rossinis Werke die Opernbühnen zu erobern begannen, gerieten Mayrs Werke nahezu in Vergessenheit. Die Medea der Uraufführung sang übrigens Rossinis spätere Gattin Isabella Colbran.
Das Libretto ist ein Frühwerk des berühmten Felice Romani, welcher später für Rossini (Il Turco in Italia), Bellini (Sonnambula, Norma) und Donizetti (Anna Bolena, L’Elisir d’Amore) gearbeitet hat.
St. Gallen zeigt das Werk als Erstaufführung der quellenkritischen Neuedition, basierend auf Mayrs Autograph von 1821.

Samstag, 17. Oktober 2009

Zürich: MADAMA BUTTERFLY, 17.10.09


Tragedia giapponese in drei Akten
Musik: Giacomo Puccini
Libretto: Luigi Illica / Giuseppe Giacosa
Uraufführung: 17. Februar 1904 in Mailand, dreiaktige Neufassung am 28. Mai 1904 in Brescia

Aufführungen in Zürich:
17.10. | 21.10. | 25.10. | 5.11. | 8.11. | 12.11. | 15.11.| 19.11.09

Weitere Infos und Karten



Kritik:
Viel versprechend beginnt der Abend mit der Projektion eines Animationsfilms, entstanden in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Ein stilisierter, von japanischer Tuschzeichnung inspierierter Vogelschwarm, der immer bedrohlicher wirkt, taucht auf dem weissen Zwischenvorhang auf. Vor dem zweiten Akt ist es dann ein einsamer Vogel, welcher sich in einem Dickicht aus Bambus verirrt und während des Zwischenspiels zum dritten Akt bricht der Vogel auseinander, seine Flügel fallen auf einen immer grösser werdenden und schliesslich die gesamte Leinwand bedeckenden Haufen verlorener Federn - lauter enttäuschten Hoffnungen. Diese einfache und doch so stimmige Symbolisierung der Handlung von MADAMA BUTTERFLY findet dann jedoch auf der Bühne keine entsprechende Fortsetzung. Zu gestylt, zu kalt wirkt die ausschliesslich in den japanischen Nationalfarben Weiss-Rot-Schwarz gehaltene Ausstattung Reinhard von der Tannens. Pinkerton hat als Liebesnest nicht ein wackliges Häuschen (dimora frivola) erworben, sondern einen veritablen, sich im Verlauf des Abends skelettierenden Turm (Goro verspricht ihm ja, das Häuschen sei standfest wie ein torre). Der Turm wird dann aber wenig genutzt, die Handlung spielt sich vorwiegend auf der Veranda ab. Und obwohl Butterfly das Geld ausgeht, hat sie sich noch neue, schicke schwarze Möbel kaufen können. Da in Zürich die geglättete Pariser Fassung des Werks von 1906 gespielt wird, fällt der gesellschaftskritische Realismus der von Experten immer stärker favorisierten Urfassung weitgehend weg. Vier mehr dekorativ als als wirklich schlüssig eingesetzte, an die japanische Butoh Tradition erinnernde Tänzer, sollen wohl etwas zusätzliches Lokalkolorit vermitteln. Zudem darf zu Beginn ein muskelbepackter Farbiger Whisky einschenken. Hm. Der grosse Eisblock, welcher als Bar dient, soll wohl die emotionale Kälte des Yankees Pinkerton zeigen, doch wird in der Inszenierung Grischa Asagaroffs auch mit diesem Element dann nicht mehr stringent weitergespielt. So wirkt der erste Akt steif, das lange Liebesduett knistert trotz auch wieder nur dekorativ eingesetzter roter Lampions nicht vor Erotik. Amerikanische Flaggen nehmen zu Beginn des zweiten Aktes den Platz der Lampions ein, verschwinden dann aber auch schnell wieder. Die Blüten, mit denen Butterfly und Suzuki das Haus für die Ankunft Pinkertons schmücken, fallen wie auf ein göttliches Zeichen hin vom Bühnenhimmel, warum auch immer. Das imperialistische Gehabe, der Machismus werden nicht mit der erforderlichen Radikalität gezeigt, es wird in dieser Inszenierung kaum an der lackierten Oberfläche gekratzt. Einzig die Personenführung zu Beginn des zweiten Aktes, die Auseinandersetzung Cio-Cio-Sans mit Suzuki, ihr rabiates Festhalten an der Hoffnung auf Pinkertons Rückkehr, ihre Selbsttäschung sind packend dargestellt; ebenfalls sehr überzeugend ist der Auftritt von Kate inszeniert (mit enormer Bühnenpräsenz: Margaret Chalker).
Die Stars des Abends sitzen im Orchestergraben. Einmal mehr erweist sich das Orchester der Oper Zürich als Spitzenensemble. Der präzis gespielte fugierte Beginn oder die schlichtweg atemberaubende Begleitung des Summchores (ganz hervorragend und lupenrein intoniert vom Chor der Oper Zürich) durch Flöten und Pizzicati der Streicher seien hier als Beispiele genannt. Dirigent Carlo Rizzi stellte zwar weniger die mutige, bis an die Grenzen der Tonalität und darüber hinausweisende Harmonik des Werkes in den Vordergrund - die Dissonanzen wirkten oft etwas gar verschämt hinter zarten Pastellfarben versteckt - doch war seine Interpretation von wunderbar feinem Atem getragen, die Motive wurden dynamisch subtil abgestuft zu herrlichem Erblühen gebracht.
Leider fand die sängerische Ergänzung dazu auf der Bühne über weite Strecken nicht statt. Beiden Protagonisten mangelte es an stimmlicher Geschmeidigkeit. Xiu Wei Sun in der Titelrolle mag eine Arena taugliche Stimme haben, doch das ausgeprägte Vibrato und ihr leicht belegt klingender Sopran lassen auf Verschleisserscheinungen der Stimme schliessen. Ausdrucksstark war zwar ihre Mimik, ihre Entrückung nach Un bel dì vedremo, ihre Verdängungstaktik während der Briefszene - und doch wollte sich echte Anteilnahme an ihrem traurigen Schicksal nicht so recht einstellen. Neil Shicoff verfügt zwar immer noch über eine sichere Höhe, doch sein Pinkerton klang über weite Strecken mehr gequält und forciert als von seiner jungen japanischen Schönheit erotisiert. Lautstärke ist halt nicht gleich Ausdruckskraft. Da er eh nie der begnadetste aller Darsteller war, wirkte seine Gestaltung der Rolle des jungen (hier eher älteren) amerikanischen Offiziers eher unbeholfen. Bezeichnenderweise erhielten die mit wunderbar warmer Stimme gesungene Suzuki von Judith Schmid und der Sharpless von Cheyne Davidson (in seinem Anzug mit Schlapphut ab dem zweiten Akt an Indiana Jones erinnernd - warum?) fast den grössten Applaus. Als windiger Heiratsvermittler Goro überzeugte Andreas Winkler, Kresimir Strazanac fühlte sich sichtlich unwohl als Fürst Yamadori, trotz süssen, dekorativen Kätzchens im Arm. Pavel Daniluk überzeugte stimmlich als Cio-Cio-San verfluchender Onkel Bonze, sein eher für den Wassemann aus Rusalka passendes Outfit wirkte jedoch eher lächerlich als bedrohlich.
Obwohl an dieser Premiere nicht viele Plätze frei blieben, war der Schlussapplaus nicht mehr als kurz und freundlich.
Fazit:
Da gleich drei Häuser in der Deutschschweiz in dieser Saison BUTTERFLY herausbringen, sind Vergleiche unausweichlich: Das Theater Basel (Opernhaus des Jahres) hat im September eine Steilvorlage geliefert, eine musikalisch UND szenisch packende BUTTERFLY auf die Bühne gebracht, die das finanziell besser ausgestattete Zürich bei weitem nicht erreicht.
Im Mai 2010 wird dann noch das Theater St.Gallen nachziehen.

Werk:
Das Fiasko der Uraufführung von MADAMA BUTTERFLY lag vermutlich in den Rivalitäten der beiden mächtigen Verlagshäuser Italiens (Ricordi und Sonzogno) begründet. Puccini zog die Oper sofort zurück und präsentierte kurz darauf in Brescia ein neue, diesmal äusserst erfolgreiche Fassung. BUTTERFLY gehört zu den meistgespielten Opern der Welt, in den USA ist sie seit Jahrzehnten die Nummer eins. Sie ist die stilistisch geschlossenste Oper des Meisters. Der melodische Einfallsreichtum, die gewagte, auch an die Grenzen der Tonalität stossende, von Melodien japanischer Herkunft inspirierte Harmonik machen aus MADAMA BUTTERFLY weit mehr als das kitschig sentimentale Drama, als welches es oft herablassend bezeichnet wird.
Die Oper hat auch in der Pop Musik (Un bel dì gibt es in unzähligen Versionen), im Film (z.B. FATAL ATTRACTION mit Glenn Close und Michael Douglas) und im Musical (MISS SAIGON) ihre Spuren hinterlassen.
Inhalt:
Der leichtlebige amerikanische Marineoffizier Pinkerton heiratet in Nagasaki die 15jährige Cio-Cio San, genannt Butterfly. Die Warnungen des amerikanischen Konsuls Sharpless schlägt er in den Wind. Die Heiratszeremonie wird durch den Onkel Cio-Cio Sans gestört, welcher das junge Mädchen verflucht, weil sie heimlich zum Christentum konvertierte.
Der Akt schliesst mit einem der längsten und schönsten Liebesduette der Opernliteratur.
Drei Jahre später:
Butterfly hat einen Sohn von Pinkerton. Der selbst hat sich aber nie mehr in Japan blicken lassen, doch Butterfly gibt die Hoffnung nicht auf, dass er sie nach Amerika holen wird. Suzuki zweifelt. Sharpless will Butterfly darauf vorbereiten, dass Pinkeron zwar auf dem Weg nach Japan sei, doch nicht ihretwegen. Ihren Verehrer Yamadori weist Butterfly standhaft ab.
Ein Kanonenschuss verkündet die Ankunft des amerikanischen Kriegsschiffes.
Butterfly hat die ganze Nacht lang vergeblich auf Pinkerton gewartet. Sie zieht sich zurück. Pinkerton erscheint im Garten mit seiner neuen Frau Kate um seinen Sohn nach Amerika zu holen. Butterfly ersticht sich mit dem Dolch, mit dem auch ihr Vater einst Selbstmord begangen hatte.
Musikalische Höhepunkte:
Dovunque al mondo, Pinkerton – Sharpless, man hört die amerikanische Nationalhymne
Ancora un passo, Auftritt von Cio-Cio San und ihren Freundinnen, Akt I
Bimba, Bimba, non piangere, Duett Cio-Cio San – Pinkterton, Akt I
Un bel dì, Arie der Cio-Cio San, Akt II
Tutti i fior? Duett Cio-Cio San – Suzuki, Akt II
Coro a bocca chiusa , Summchor, Zwischenspiel zu Akt III
Addio, fiorito asil, Arioso des Pinkterton, Akt III
Con onor muore, Finale Akt III